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Anhaltische Deutsche Gesellschaft

 

Forum "Dessau auf dem Wege zur Universitätsstadt"
am 11. Januar 2011, im Palais Dietrich, Zerbster Straße 35, Dessau

Dessau-Roßlau auf dem Wege zur Universitätsstadt?
Beitrag von Prof. Dr. habil. Johannes Kardos

Vorbemerkungen
In Dessau-Roßlau wird die öffentliche Diskussion u.a. durch die Suche nach einem Leitbild wie z. B. Bauhausstadt, Wissensstadt oder Universitätsstadt bestimmt.
Wenn die Profilierung Dessau-Roßlaus zu einer Universitätsstadt als wesentliches Handlungsziel in der öffentlichen Diskussion genannt wird, dann sollte man demzufolge auch eine Universität als Zentrum dieses Anliegens gründen.
Die Idee der Gründung einer privaten Universität in Dessau-Roßlau geht unseres Wissens auf den ehemaligen Präsidenten der Anhaltischen Deutschen Gesellschaft – ADG e. V. – Dr. jur. Franz Siegfried zurück. Er organisierte mehrere Hochschullehrerkonferenzen in den Jahren 2006 bis 2008 mit dem Ziel, Ideen für eine Colleg-Universität zu entwickeln. Nachteilig war, dass keine städtischen und regionalen Entscheidungsträger an den Beratungen teilnahmen, die mit ihrer finanziellen Basis eine Keimzelle der zu kreierenden Universität hätten sein können.
Die beteiligten Hochschullehrer entwickelten entsprechende Vorschläge für eine Universitätsgründung. Doch Ideen alleine reichen nicht aus. Es fehlten Sponsoren, die bereit gewesen wären, die finanzielle Sicherstellung zu übernehmen. Eine Universität lässt sich nicht alleine durch Studiengebühren finanzieren.
Nun sollte/könnte ein neuer Versuch unternommen werden, in dem man die Gründung mit vorhandenen städtischen und regionalen Bildungsanstalten verbindet. Die Volkshochschule ist z. B. eine städtische Einrichtung. Sie sollte man und sie sollte sich zunehmend wörtlicher nehmen.
Die nachfolgenden Ausführungen sind unvollständig. Daher bedürfen sie der Kommentierung.

Ferner sollten folgende Fragen beantwortet werden:

  • Welchen Status sollte die Universität haben? – staatlich, privat oder gemischt?
  • Könnte sich die Hochschule Anhalt zu einer Universität entwickeln, und würde sie ihren Verwaltungssitz nach Dessau-Roßlau verlegen?
  • Ließe sich die Abteilung Dessau der Hochschule Anhalt von Köthen und Bernburg abtrennen und sich mit der zu gründenden Universität vereinen?
  • Wie steht es um die Anbindung des Städtischen Klinikums an eine Universität (MLU oder OvGU)?
  • Welche Sponsoren gäbe es?
  • Wie stehen die berühmten Söhne dieser Stadt zur Universitätsgründung?

Als aussichtsreichste Variante erscheinen die Neugründung einer Privatuniversität mit den vorhandenen Potenzialen und ihre Vernetzung zu anderen Universitäten / Hochschulen sowie Forschungsinstituten.

Übergangsstatus der zu gründenden Universität
Die Bezeichnung „Universität Dessau-Roßlau“ darf nicht ohne staatliche Anerkennung verwendet werden. Allerdings sind Kompromisse bei staatlich noch nicht anerkannten Universitäten möglich, in dem man für ihre Bezeichnung zusammengesetzte Substantive verwendet. Beispiele dafür sind u.a. Stadt-Universität oder Netzwerk-Universität, in die akademische bzw. universitäre Einrichtungen integriert werden. So gesehen, dürfte für Dessau-Roßlau die Bezeichnung

Internationale Netzwerk-Universität – INU

International Network University – INU

in Betracht kommen. Nachfolgend befindet sich ein erster Strukturvorschlag, mit dem der INU-Start möglich werden könnte/sollte, wenn sich die Partner unter einem Dach als e. V., gGmbH oder GmbH vereinen.

Die nachfolgend genannten Struktureinheiten (siehe Abbildung) könnten zunächst wie gewohnt ihre bestimmungsgemäßen Aufgaben erfüllen und diese schrittweise um universitäre Lehr- und Forschungsangebote erweitern. Zur Erlangung der staatlichen Anerkennung der INU wäre es allerdings ein weiter Weg, nicht zuletzt in finanziellen Belangen.

Strukturvorschlag für den Start der INU

Profil des universitären Teils der INU
Die INU sollte eine Holding-Privatuniversität mit dem Profil der postgradualen akademischen Weiterbildung werden. Sie könnte interdisziplinäre Kurse sowie Studiengänge in den Fachbereichen Natur- und Ingenieurwissenschaften, Umweltwissenschaften, Lebenswissenschaften, Architektur, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften,  Kunst- und Kulturwissenschaften u. a. Disziplinen anbieten.
Als Zielgruppen kämen u.a. in Betracht berufstätige Akademiker aller Altersgruppen im In- und Ausland, die einen hohen Anspruch an ihr eigenes Handeln und sich selbst gegenüber stellen. Daraus ergäbe sich für sie ein Bedarf an Entwicklung. Sie wollen den Schritt nach vorne selber gehen. Es sind Menschen, die auf Komplexität nicht nur reagieren möchten, sondern ihr Umfeld aktiv gestalten wollen.
Zielgruppen können auch Studierende, Praktikanten und Doktoranden von anderen Universitäten bzw. Hochschulen sein, die Wahlfächer zu ihrer Qualifizierung an der INU absolvieren möchten.
Die Studiengänge und Kurse an der INU sollten berufsbegleitend organisiert werden, einen engen Praxisbezug erhalten und entsprechend der Bedürfnisse der Zielgruppe konzipiert und durchgeführt werden. Damit würde sich die INU mit den aktuellen Entwicklungen der Bildungslandschaft aktiv auseinander setzen und sich mit einem breiten Fächerspektrum den vielseitigen Herausforderungen stellen können. Die INU sollte sich die Aufgabe stellen, den Markt der postgradualen, berufsbegleitenden Weiterbildung weiter zu erschließen und ihn durch interdisziplinär gestaltete Lehrangebote zu beleben.

Die INU sollte dabei das fachliche „know-how“ von ausgewählten staatlich finanzierten Universitäten/Hochschulen des In- und Auslandes mit breitem Fächerspektrum sowie einer hohen Dichte vernetzter wissenschaftlicher Kompetenz mit den Vorteilen einer privaten Bildungseinrichtung verbinden und als freies und flexibles Unternehmen am Bildungsmarkt agieren.
Solange die INU noch nicht staatlich anerkannt ist, müsste sie gemeinsame Studiengänge zusammen mit staatlichen Universitäten/Hochschulen organisieren. Derartige Kombinationen existieren in Deutschland schon mehrfach. Universitäten der neuen und zukünftigen EU-Staaten zeigen sich offen für diesbezügliche Partnerschaften. Die Internationalität sollte ein Markenzeichen der INU werden.

Mindestanforderungen für die staatliche Anerkennung der INU

In den o. g. Hochschullehrerkonferenzen trat die Frage auf, wie klein eine staatlich anerkannte Privatuniversität sein darf. Das Hochschulgesetz des LSA gibt ja auf diese Frage keine Antwort. Deshalb wurde eine Antwort im Kultusministerium LSA im Jahre 2008 eingeholt.
Der zuständige Abteilungsleiter antwortete wie folgt:

  • Finanzielle Sicherstellung der Privatuniversität für sechs Jahre im Voraus garantieren,
  • 51% der Belegschaft muss festangestellt sein,
  • Dazu gehören mindestens 5-6 Professoren, darunter drei Universitäts-Professoren,
  • Etablierung von zwei bis drei akkreditierten Studiengängen und
  • Nachweis bzw. Aufbau einer universitären Forschung,

Die Akkreditierung von Institutionen und Studiengängen ist sehr zeit- und kostenaufwendig.

Vorschläge für Studiengänge und Kurse in der Anfangsphase der INU

Vorausgesetzt, dass finanzielle Mittel beschafft und Personal gewonnen werden können, liegen folgende Möglichkeiten nahe:

  • Weiterentwicklung des Urbanistik-Kollegs im Bauhaus Dessau zu einem Masterstudiengang zusammen mit der Hochschule Anhalt oder Bauhaus-Universität Weimar,
  • Weiterentwicklung des zweijährigen Fernstudiums zum Europäischen Energie-Manager (e-Learning) im AfEU e. V. zu einem Masterstudiengang zusammen mit der MLU Halle und/oder TU Budapest,
  • Die studentische Ausbildung am MLU-Lehrkrankenhaus des Städtischen Klinikums ist ja bereits universitär; weitere Reserven sind sicherlich vorhanden,
  • Etablierung von “Studium Generale“ an der Volkshochschule mit modularem Aufbau, so dass die Absolvierung einzelner Blöcke, als auch der Gesamtheit möglich ist. Nach Akkreditierung kann auch der akademische Grad Bachelor oder Master angestrebt werden. Die Präsenzphasen können differenziert durch e-Learning erweitert werden,
  • Überarbeitung der Angebote von Sommerschulen und Lehrgängen derart, dass sie den Wahlfächern an Universitäten/Hochschulen entsprechen. Vorzugsweise sollte es sich um zertifizierte Kurse handeln.

Erste Aktivitäten zur Gründung der INU

  • Willenserklärung des Oberbürgermeisters, Stadtrates, Städtischen Klinikums, der  Stiftung Bauhaus Dessau, Volkshochschule u. a., das man tatsächlich eine Universität benötigt,
  • Behördliche Abstimmungen,
  • Anfertigung einer Machbarkeitsstudie,
  • Berufung eines Gründungspräsidenten,
  • Etablierung des Präsidiums und des Sekretariats,
  • Gewinnung junger Akademiker, die ihre Perspektive in der INU sehen,
  • Ausarbeitung der Gründungsdokumentationen,
  • Durchführung von universitären Kursen,
  • Entwicklung akkreditierbarer Studiengänge,
  • u. v. a.

Leitbild der INU - Schlusswort

Die INU sollte Begeisterung für lebenslanges Lernen ausstrahlen und internationalen Zulauf gewinnen. Ein Studium ist in jeder Lebensphase eine gute Wahl. Denn die Motivation ist immer die Selbe: Dazulernen, den eigenen Horizont verbreitern, über sich hinauswachsen. Und das sollte man an der INU können!

Ich hoffe, mit den obigen Ausführungen der Bitte des ADG e. V. nachgekommen zu sein und wünsche ihm viel Erfolg bei seinen weiteren Bemühungen, in Dessau-Roßlau eine Universität zu gründen.